Kann KI Kunst?

Ich habe tausend Bilder im Kopf. Welten, Szenen, Stimmungen. Aber jahrelang blieben sie dort gefangen, weil meine Hand nicht das umsetzen konnte, was mein geistiges Auge sah. Ich bin kein Grafikdesigner, ich habe nie gelernt, wie man Lichtreflexionen in Öl malt oder wie man in Photoshop komplexe Kompositionen baut. Ich war immer nur Photoshop-Amateur, Hobby-Grafiker. Doch seit kurzem hat sich das geändert. Ich erschaffe Kunst.

Die Diskussionen um Künstliche Intelligenz in der Kunstwelt sind laut und oft emotional. Ist das noch Kunst? Ist das Betrug? Für mich ist die Antwort pragmatisch und historisch fundiert: KI ist mein Werkzeug. Sie ist für mich das, was die Fotografie im 19. Jahrhundert für die Maler war.

Der „Kodak-Moment“ der digitalen Kunst

Als die Fotografie aufkam, schrien die Kritiker auf. Charles Baudelaire nannte sie den „Todfeind der Kunst“, weil er fürchtete, dass die mechanische Reproduktion den Geist der Malerei töten würde.

Doch was passierte wirklich? Die Fotografie demokratisierte das Bild. Plötzlich musste man kein jahrelanges Handwerk mehr beherrschen, um die Realität abzubilden.

Genau an diesem Punkt stehen wir heute mit der KI. Generative KIs wie Midjourney, Nano Banana Pro oder Stable Diffusion nehmen mir den technischen Prozess ab – das „Handwerk“ des Pixel-Schubsens –, aber sie nehmen mir nicht die Kreativität.

Die Kamera nimmt dem Fotografen auch nicht die Bildkomposition oder die Idee für das Motiv ab.

Die KI befähigt Menschen wie mich, die Ideen haben, aber bisher nicht die Skills hatten, diese sichtbar zu machen. Die Barriere zwischen Vorstellung und Ergebnis ist gefallen.

Vom Handwerk zur Kuration

Natürlich verlangt auch die KI neue Fähigkeiten. Ich muss keinem Pinselstrich mehr führen, aber ich muss lernen, wie ich mit der Maschine spreche. Das sogenannte „Prompt Engineering“ oder das iterative Auswählen und Verfeinern von Ergebnissen ist ein kuratorischer Prozess.

Es ist eine Verschiebung der Kompetenz: Weg von der manuellen Exekution, hin zur konzeptionellen Direktion. Die Kreativität sitzt immer noch vor dem Bildschirm, nicht darin. Ich entscheide, was schön, was hässlich, was berührend ist. Die KI ist nur der extrem leistungsfähige Pinsel, der meine Gedanken übersetzt.

Parallelen zum Coding und anderen Bereichen

In dieser neuen Form der Arbeit gibt es viele Parallelen zu anderen Bereichen. Es zieht sich durch alle Prozesse durch. Quellcode wird nicht mehr vom Programmierer selbst geschrieben, sondern ebenfalls nur kuratiert. Der Entwickler lenkt die Code-KI.

Excel-Listen, Blog-Artikel, Angebote alles wird von der KI erstellt nach Vorgabe und Lenkung des Menschen.

Dabei steigern wir sowohl unsere Geschwindigkeit als auch die Qualität.

Ein Blick in die Zukunft: Wenn die Maschine „versteht“

Doch während ich heute die KI noch als reines Werkzeug nutze, das auf Wahrscheinlichkeiten basiert, steht die nächste Revolution schon vor der Tür. Aktuelle KIs sind oft noch wie „stochastische Papageien“ – sie plappern visuelle Muster nach, ohne die Welt wirklich zu begreifen. Das ändert sich gerade rasant.

Wir bewegen uns auf eine Ära der sogenannten World Models zu. Forscher wie Yann LeCun von Meta arbeiten an Systemen, die nicht mehr nur Pixel raten, sondern physikalische Gesetze, 3D-Räume und Kausalitäten verstehen. Diese neuen Modelle lernen, wie die Welt funktioniert – dass ein Glas fällt, wenn man es loslässt, und warum Schatten sich so verhalten, wie sie es tun.

Was bedeutet das für die Kunst?

Ich kann mir vorstellen, dass wir in ein paar Jahren KIs haben, die nicht mehr nur unsere Prompts imitieren, sondern eine eigene Form der Kreativität entwickeln. Wenn eine KI ein internes Modell der Welt besitzt, kann sie vielleicht Szenarien simulieren und „träumen“, die weit über das hinausgehen, was wir uns heute vorstellen können. Vielleicht entstehen daraus Kunstformen, die wir Menschen gar nicht mehr als rein menschlich oder rein maschinell kategorisieren können – eine Art „Post-Humane Ästhetik“, die völlig neuen Regeln folgt.

Aber bis dahin genieße ich die Freiheit. Die Freiheit, die Bilder aus meinem Kopf endlich in die Welt zu holen.


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